Ich bin ich
Zu meiner Geschichte gehört auch, dass ich transgender bin.
Ich wurde 1964 geboren und habe viele Jahrzehnte meines Lebens als Mann gelebt. Gleichzeitig wusste ich seit meiner Kindheit, dass meine geschlechtliche Identität weiblich ist. Lange Zeit blieb dieser Teil meines Lebens im Verborgenen. Seit 2023 lebe ich offen als die Frau, die ich bin – privat, beruflich und öffentlich.
Dieser Schritt hat mein Leben verändert. Er bedeutet für mich nicht, jemand anderes zu werden, sondern immer mehr die Person zu sein, die ich schon immer war.
Auf dieser Webseite schreibe ich gelegentlich über meine Erfahrungen, Gedanken und Fragen rund um das Thema Trans-Sein. Dabei erhebe ich keinen Anspruch, für andere Transmenschen zu sprechen. Jede Lebensgeschichte ist einzigartig. Ich kann nur von meinem eigenen Weg erzählen.
Mir ist ein respektvoller und offener Austausch wichtig. Vielleicht können meine Erfahrungen dabei helfen, neue Perspektiven zu eröffnen, Verständnis zu fördern oder einfach neugierig zu machen.
Wenn du Fragen oder Gedanken hast, freue ich mich über eine respektvolle Rückmeldung.
Sabine Walter
Fragen, die oft gestellt werden...
Hier versuche ich Fragen, die mir schon öfter gestellt wurden, zu beantworten
Was bedeutet es eine Trans-Identität zu haben?
Diese Frage kann ich nur aus meiner eigenen Perspektive beantworten.
Für mich bedeutet Trans-Sein, dass meine geschlechtliche Identität weiblich ist, obwohl ich bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurde. Diese Identität habe ich mir nicht ausgesucht, und ich habe sie mir auch nicht gewünscht. Sie war einfach immer da.
Einen großen Teil meines Lebens habe ich versucht, gegen diese Realität anzukämpfen. Ich hoffte, dass sich dieses Gefühl verändern oder verschwinden würde. Doch im Laufe vieler Jahre und auch durch therapeutische Auseinandersetzung musste ich erkennen, dass Identität nichts ist, was man wegtherapieren oder willentlich verändern kann.
Man kann versuchen, sie zu verdrängen. Man kann gegen sie kämpfen. Man kann sich anpassen und eine Rolle spielen. Doch die eigene Identität verschwindet dadurch nicht.
Für mich bedeutete das Leben als Mann ein tiefes Gefühl von Unstimmigkeit. Es fühlte sich an, als würde ich einen wichtigen Teil meiner selbst verstecken. Ich empfand eine innere Distanz zu meinem eigenen Leben – als wäre ich nicht wirklich ich selbst, nicht ganz da, nicht ganz authentisch. Mit der Zeit führte dieser innere Konflikt zu erheblichem Leid.
Dabei geht es nicht darum, dass ich Männer ablehne oder dass ich es „schlimm“ finde, ein Mann zu sein. Der eigentliche Schmerz bestand für mich darin, nicht die Möglichkeit zu haben, als die Person zu leben, die ich bin.
Seit meinem Coming-out im Februar 2023 versuche ich, diesen Weg offen zu gehen. Nicht weil dadurch alle Probleme verschwinden würden, sondern weil Authentizität für mich die Grundlage eines guten Lebens ist.
Als Sabine fühle ich mich vollständiger, klarer und mehr mit mir selbst verbunden. Ich fühle mich echter. Ich bin präsenter, selbstbewusster und mehr im Einklang mit mir selbst.
Kurz gesagt: Als Sabine habe ich nicht das Gefühl, jemand anderes zu sein. Ich habe das Gefühl, endlich ich selbst zu sein.
Sabine / Martin... bist du 2 Personen?
Ich bin eine Person mit einer weiblichen Identität und einem männlichen Körper.
Wie möchtest du angesprochen werden?
Mein Name ist Sabine und meine Pronomen sind sie/ihr.
Für alle, die mich bisher als Martin kennen: bitte verkünstel dich nicht! Ich bin mir bewußt, das Namensgedächtnis läuft automatisiert ab, daher bin ich diesbezüglich ziemlich schmerzfrei.
Wärst du lieber eine Frau?
Ich BIN von meiner Identität her eine Frau und äußerlich ein Mann. Ich habe aber 59 Jahre lang als Mann gelebt und meine weibliche Identität versteckt und unterdrückt. Nun versuche ich meine weibliche Identität zu integrieren. Es ist also nicht etwas das man sich aussucht, wie man sich ein paar Schuhe aussucht, sondern ich stehe nun endlich zu dem, was ich schon immer bin und war.
Verkleidest du dich gerne?
Ich habe das Gefühl verkleidet zu sein, wenn ich mich männlich kleide. Wenn ich mich weiblich kleide, so ist das Ausdruck meiner Identität und von daher empfinde ich mich als authentisch.
Was hat geschlechtliche Identität mit sexueller Orientierung zu tun?
Die geschlechtliche Identität bezieht sich, wie der Name sagt, auf die Identität, also auf das, wie man sich selbst sieht und erlebt. Die sexuelle Orientierung (also ob man auf Männer oder Frauen steht) hat damit nichts zu tun.
Wie steht deine Familie zu deiner Transition?
Meine Frau und Kinder wussten schon früh von Sabine. Das Thema begleitet mich schon mein ganzes Leben, aber als meine Frau im 2022 starb, ist mein wichtigster Halt im Leben weggebrochen und seitdem wird meine „weibliche“ Seite immer wichtiger für mich. Meine Kinder unterstützen und begleiten mich auf meinem Weg.
Bist du unzufrieden mit deiner männlichen Rolle?
Nein.
Mein Trans-Sein hat nichts damit zu tun, dass ich traditionelle Rollenbilder ablehne oder mit bestimmten Erwartungen an Männer unzufrieden bin. Die Frage meiner geschlechtlichen Identität ist für mich etwas anderes als die Frage gesellschaftlicher Rollen.
Ich bin nicht trans, weil ich bestimmte männliche Eigenschaften ablehne oder weil ich glaube, dass Frauen es leichter hätten. Im Gegenteil: Frauen sind auch heute noch mit vielen Formen von Benachteiligung, Sexismus und Diskriminierung konfrontiert. Niemand würde diesen Weg freiwillig wählen, um es einfacher zu haben.
Außerdem halte ich wenig von einer strikten Einteilung in „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften. Menschen sind vielfältig. Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Klarheit, Empathie, Stabilität, Sensibilität oder Entschlossenheit sind keine Frage des Geschlechts, sondern Teil individueller Persönlichkeiten.
Auch ich vereine unterschiedliche Seiten in mir. Manche werden gesellschaftlich eher als männlich, andere eher als weiblich wahrgenommen. Entscheidend ist für mich jedoch nicht, welcher Kategorie sie zugeordnet werden, sondern dass ich sie authentisch leben kann.
Paradoxerweise fällt mir das heute leichter als früher. Seit ich als Sabine lebe, fühle ich mich freier, offener und weniger gezwungen, irgendeiner Erwartung entsprechen zu müssen. Ich muss keine Rolle mehr spielen. Ich kann einfach ich selbst sein.
Als Trans-Frau kann ich meine ‚männlichen‘ Verhaltensweisen freier leben, weil ich ich bin.
Eine Transfrau auf der Bühne?
a – und vor allem eine Musikerin.
Interessanterweise trete ich heute lieber und selbstverständlicher auf als früher. Während ich als Martin bei Auftritten oft eher zurückhaltend war, steht Sabine gerne auf der Bühne und genießt den direkten Kontakt zum Publikum.
Natürlich waren die ersten Konzerte nach meinem Coming-out spannend. Ich fühlte mich wohl mit mir selbst, fragte mich aber dennoch, wie das Publikum auf mich reagieren würde. Würden die Menschen mich als Musikerin wahrnehmen oder zunächst vor allem meine Transidentität sehen?
Meine Erfahrung ist, dass diese Frage meist nur am Anfang eine Rolle spielt. Vielleicht gibt es zunächst einen Moment der Überraschung oder Irritation. Doch sobald die Musik beginnt, wird meine Transidentität nebensächlich. Dann geht es um den Klang, die Interpretation, die Emotionen und die Verbindung zum Publikum.
Genau so wünsche ich es mir auch: Offen mit meiner Geschichte umzugehen, ohne dass sie im Mittelpunkt stehen muss.
Die Rückmeldungen, die ich seit meinem Coming-out erhalten habe, waren durchweg positiv. Viele Menschen erleben mich heute sogar als präsenter, authentischer und entspannter auf der Bühne als früher. Das empfinde ich selbst genauso.
Letztlich komme ich nicht als Transfrau auf die Bühne. Ich komme als Musikerin auf die Bühne.
Meine Geschichte
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, erkenne ich, dass mich das Thema Geschlechtsidentität schon begleitet, solange ich denken kann.
Eine meiner frühesten Erinnerungen stammt aus meinem sechsten Lebensjahr. Damals stellte ich überrascht fest, dass ich mich in Mädchenkleidung auf eine Weise wohlfühlte, die ich vorher nicht kannte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, richtig zu sein. Heute würde ich sagen: Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mit mir selbst im Einklang zu sein.
Bis dahin kannte ich vor allem das diffuse Empfinden, irgendwie falsch zu sein, ohne benennen zu können, warum. Dieses Erlebnis war deshalb prägend. Es zeigte mir etwas über mich selbst, für das ich damals weder Worte noch Erklärungen hatte.
Anfang der 1970er Jahre gab es in meinem Umfeld keine Sprache für das, was ich erlebte. Es gab keine Vorbilder, keine öffentlichen Diskussionen und keine Menschen, mit denen ich offen darüber sprechen konnte. Also blieb alles heimlich.
Was mir Halt und Orientierung hätte geben können, wurde dadurch zu etwas Verbotenem, zu etwas, für das ich mich schämte. Lange Zeit glaubte ich, mit mir stimme etwas nicht. Ich hielt mich für verrückt, gestört oder pervers, weil ich keine andere Erklärung kannte.
Heute weiß ich, dass nicht mit mir etwas falsch war. Mir fehlten lediglich die Worte und das Verständnis für das, was ich empfand.